Pressespiegel

Gute und böse Seelen liegen im Streit

Gartenstadt – Chor, Orchester und Solisten zeigen “Das jüngste Gericht” in der ausverkauften Gnadenkirche

Als Thomas Nauwartat-Schultze vor 13 Jahren an der Freilichtbühne den Chor ART-im-TAKT gründete, herrschte Begeisterung. Doch niemand ahnte, dass dieser vielbegabte Schauspieler, Regisseur, Choreograf und Chorleiter die hohen Ansprüche, die er an sich selber stellt, auch seinen Mitwirkenden abverlangt. Was seine Sängerinnen und Sänger fast spielerisch bei Musical- und Popaufführungen leisten, wird bei klassischen und geistlichen Werken zu einer großen Herausforderung.

Kontrastreiches Werk

“Wacht! Euch zum Streit gefasset macht” mit diesem mahnenden, fast kriegerischenAufruf beginnt ein oratorienartiges Mammutwerk,das dem frühbarocken Meister Dietrich Buxtehude (1637-1707) zugeschrieben wird, und vom niederländischen Dirigenten, Organisten und Hochschullehrer Ton Koopmann (geboren 1944) für fehlende Stimmen rekonstruiert wurde. Es ist ein kontrastreiches vielsagendes Werk, dessen Text sich aus Bibelzitaten, Chorälen und freier Dichtung zusammensetzt, und die Todsünden der Menschheit in den Wettstreit schickt. Der Herr im Himmel sieht dem Treiben zu und fordert Rechtfertigung. Das verlieh dem Werk auch die Bezeichnung “Das jüngste Gericht”.

Zweifellos sprach der in der Hansestadt Lübeck wirkende Buxtehude mit diesem Werk die damaligen wohlhabenden Kaufmannsleute und Bürger der Stadt an, mahnte sie vor Geiz, Leichtfertigkeit und Hochmut, vor Völlerei, Trunksucht und Unkeuschheit – ein mutiges Unterfangen, denn gerade die reichen Zünfte und Patrizierfamilien waren es, die diese Konzerte aus der traditionellen Reihe der Lübecker Abendmusiken (der Eintritt war frei) sponserten.

Neben dem unverblümten Streitgespräch, das sich die Gesangssolisten liefern, sticht vor allem die beredte musikalische Umsetzung heraus. Schon die Eingangssonate -wunderbar gespielt vom Heidelberger Kantatenorchester – machte die beiden gegensätzlichen Stimmungen deutlich: schweres, langsames Schreiten ruft auf zum Bedenken, während der Wechsel zur bewegt verspielten Heiterkeit zum Lebensgenuss reizt. Und dann treten die Sopran-Solisten (Amelie Petrich, Leba Safran, Sabine Valentin) auf als Geiz, Leichtfertigkeit, als Hoffahrt (hier eher verstanden als Hochmut), wetteifern miteinander, stellen ihre guten oder bösen Seelen in Frage und werden von der göttlichen Stimme zur Raison gerufen: “Du Narr, Du Narr! Heute Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und was wird sein, was du bereitet hast”, singt ein wunderbarer kraftvoll majestätischer Bass (Marcel Brunner). Demgegenüber meldet sich ein sanfter Tenor (Jan Herrmann), der den Schrecken vor dem Jenseits mildert, aber dennoch vom pessimistischen Altus (Daniel Eger) überstimmt wird.

Göttliche Stimme

Bezeichnend ist in dieser Komposition nicht nur die beredte Ausschmückung der Empfindungen (Lachen, Weinen, Seufzen), sondern auch der galante Einsatz der Instrumente. Die Orgel der meisterhaften Ryoko Aoyagi, die sich stets dezent im Hintergrund hielt, trat in den bedeutenden Rezitativen der göttlichen Stimme hervor, während der tiefe besänftigende Klang von Cello (Julia Nilsen Savage) und Laute (Johannes Vogt) die Wechselgespräche der wetteifernden Todsünden begleitete. Bei aller akzentuierter Mahnung und allem Aufschrei, der in dem Werk steckt, brachte der wunderschöne Choral nach Phillipp Nicolais Lied “Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn” Licht und Hoffnung in die Apokalypse.

Das Publikum in der voll besetzten Gartenstädter Gnadenkirche dankte dem Chor ART-im-TAKT, dem Heidelberger Kantatenorchester und den absolut überzeugenden Gesangssolisten schließlich mit langanhaltendem jubelndem Applaus.

Mannheimer Morgen, 24.11.2017, Christina Altmann

„Top Dogs“ – die Sternstunde im Zimmertheater

Zurecht gibt es nach jeder Aufführung der Sozialsatire „Top Dogs“ stürmischen Applaus im Zimmertheater der Freilichtbühne Mannheim. Regisseur Holger Ohm, der seit mehr als 30 Jahren schon mit zahlreichen gelungenen Aufführungen und auch als Darsteller glänzen konnte, hat mit „Top Dogs“ für eine weitere Sternstunde gesorgt. Der kreative Bühnenroutinier führte intensiv und einfühlsam Regie. Er hat den Ensemblemitgliedern in diesem mehrfach preisgekrönten, zeitlos aktuellen und bitterbösen, aber durchaus realistischen Stück von Urs Widmer (gestorben 2014), jede Menge Freiraum gelassen, der gekonnt genutzt wurde. Das Publikum konnte somit mit authentischem emotionalem Spiel begeistert werden. Urs Widmer wird von vielen als legitimer Nachfolger des großen Friedrich Dürrenmatt angesehen.
„Top Dogs“, das sind zwei attraktive Powerladys (Angelika Mehr und Sandra Mercatoris) und sechs mehr oder weniger starke Herren aus dem Spitzenmanagement (Andreas Burger, Thorsten Graefe, Matthias Heckmann, Wolfgang Heuer, Michael Knapp und Peter Ziesche), welche von heute auf morgen zu „Underdogs“ geworden sind.
Alle waren Workoholics, die ohne Rücksicht auf andere Karriere gemacht hatten und fast nach ganz oben gekommen sind. Doch dann erleben sie das gleiche Schicksal wie ihre zahlreiche Kollegen, die sie im Laufe ihrer Karriere „freigestellt” hatten: Ihnen wird von heute auf morgen aber für sie nicht nachvollziehbar, gekündigt. Sie verstehen die Welt nicht mehr und landen schließlich alle in einem Mannheimer „Outplacement Center“ bei den Damen der „New Challenge Company“ (die beiden toughen „Seminarleiterinnen“ sind allerdings selbst auch Betroffene).

Hier geben sie nach und nach immer mehr von sich preis, machen deutlich, dass sie sich alle von ihrer Familie, ihrem Beruf und sich selbst immer mehr entfremdet haben. Es fällt ihnen ungeheuer schwer, in ein „normales“ Leben zurückzukehren. Eine einzige von ihnen, Frau Mercatoris, erhält am Ende eine neue Chance, eine Anstellung bei Eichbaum in Südkorea. Sie verlässt, von allen beglückwünscht, in der letzten Szene das „Center“. Die anderen bleiben mehr oder weniger hoffnungslos zurück und der Zuschauer weiß nicht, ob er wirklich Mitleid haben soll mit den ehemaligen, rücksichtslosen “Spitzenmanagern”. Diese Gesellschaftskomödie ist nahe an der Realität. Vieles ist nachzuempfinden, wird allerdings vom Autor ins Groteske gesteigert, ist dadurch vielleicht authentischer, auch durch skurille Rollenspiele und „Gruppenübungen“, die einer gewissen Komik nicht entbehren. Es darf also durchaus herzhaft gelacht werden über die „Top Dogs“. Das Ensemble agiert auf einer fast kahlen Bühne, acht Stühle und ein Cateringwagen, im Manager-Einheits-Outfit. Umso mehr stehen die Akteure im Vordergrund mit gekonnt gespielten Szenen, mit perfekten Rollen, zugeschnitten auf jeden einzelnen Charakter. Gespielt wird noch bis zum 2.Dezember dann die Wiederaufnahme ab dem 3. Februar 2018.

Metropoljournal, , Dieter Augstein

Bettler trifft geiziges Paar

Gartenstadt – Schauspieler setzen sich auf der Freilichtbühne in Szene / Blau Weiss Waldhof als Hausorchester

Mit verändertem Personal, aber der gleichen Geschichte eröffnete das Ensemble der Freilichtbühne den Martinsumzug in der Gartenstadt. Die Veranstaltung wurde wieder gemeinsam mit dem Jugendhaus Waldpforte organisiert. “Wir laden zu diesem Termin unabhängig vom Wochentag stets am 11. November ein”, erklärte Dieter Camilotto. Der Jugendhausleiter durfte sich auch in diesem Jahr über viele Teilnehmer freuen. Zudem stellte der Bürgerverein Gartenstadt mit seinem Hausorchester Blau Weiß Waldhof die standesgemäße musikalische Begleitung des Martinsumzugs sicher. Jürgen Guilmin hoffte dabei, dass seine Bläsertruppe vom Regen verschont bleiben würde. “Schließlich wäre so ein Regenguss vor allem für unsere Saxophonisten eine echte Herausforderung”, betonte der musikalische Leiter des Orchesters. Mit einem “Durch die Straßen auf und nieder” spielten die Musiker deshalb munter gegen den bewölkten Himmel an.

Junge Gäste gespannt

Ebenso zeigten sich die Darsteller der Freilichtbühne durchaus wetterfest. “Mit Achim Reineke haben wir in diesem Herbst einen neuen Mitspieler in der Rolle des Bettlers aufgeboten”, meinte Christa Krieger. Die Ehrenvorsitzende kann dagegen schon auf viele Jahre Bühnenerfahrung zurückgreifen. Es sei schließlich wichtig, in der Geschichte zu erklären, wie Martin zum Heiligen wurde, betonte sie. “Darüber hinaus sind die Kinder immer so gespannt auf den Auftritt”, verriet Krieger. In weiteren Rollen gefielen ebenso Niklas Kolb als Soldat, Fred Schimpf als erster Offizier und Rolf Fändrich, der gemeinsam mit Barbara Mader das geizige Ehepaar mimte. Bernhard Schönfelder oblag die Rolle des Martin. Zum Ende der Vorführung erloschen die Lichter der Freilichtbühne – und die Laternen der Besucher boten ein hübsch illuminiertes Bild im weiten Rund des Theaters.

Abschluss am Mampelhof

Der anschließende Umzug mit dem Martinsreiter vom Mampelhof endete auf dem Abenteuerspielplatz. Dort wurden die Laternenträger von einem anheimelnden Martinsfeuer in Empfang genommen. Warmer Orangensaft, Glühwein und Würstchen halfen den Besuchern über die kühlen Temperaturen hinweg.

Mannheimer Morgen, 15.11.2017, jba

Gemeinsame Aktion stärkt den Zusammenhalt

Gartenstadt – Freundeskreis Asyl organisiert Helfertag

Sich in die Gesellschaft einbringen und etwas sinnvolles tun: das wollten 15 Freiwillige der Firma Roche Diagnostics und ebenso viele Asylbewerber von der Bedarfserstaufnahme (BEA) Benjamin Franklin. Im Bürgergarten und auf der Freilichtbühne packten sie gemeinsam an, um nachhaltig etwas zu bewirken. Der Freundeskreis Asyl Karlsruhe e.V. in Mannheim (FKA), der in Benjamin Franklin mit der Asyl Verfahrens- und Sozialberatung betraut ist, organisierte diese Aktion zusammen mit Roche Diagnostics.

Tische geschleift und lackiert

Unter fachkundiger Anleitung von Mitgliedern des Bürgervereins und der Freilichtbühne wurde ein Unterstand für Kulissenteile gebaut. Außerdem entstand eine Hütte, in der die Krippe des Bürgervereins dauerhaft präsentiert und gelagert werden kann. Eine Gruppe hatte die Aufgabe, Bänke und Tische abzuschleifen und neu zu lackieren. Kulissenwände an der Freilichtbühne wurden neu gestrichen, große Flächen vom Unkraut befreit und Hecken fachkundig zurückgeschnitten. Am Ende freuten sich alle über die große Veränderung, die sie bewirkt hatten. Zum gemeinsamen Arbeiten gehörte auch das gemeinsame Essen. Auch das wurde in Koproduktion von Menschen aus Togo und Deutschland vorbereitet und gekocht. “Obwohl das Schulfranzösisch schon eine Weile her und die Kommunikation nicht ganz einfach war, so war das gemeinsame Erleben doch wertvoll und das Essen sehr gut gelungen”, resümierte die Bürgervereinsvorsitzende Gudrun Müller am Ende.

Strahlende Gesichter

“Überall konnte man an diesem Tag viele strahlenden Gesichter sehen. Das gemeinsame Tun, das Miteinander im Gespräch sein und Spaß haben, war für alle Beteiligten ein Geschenk”, so Müller weiter. Auch für die Menschen aus Togo, Nigeria und Gambia sei es ein besonderes Erlebnis gewesen, weil sie in der Unterkunft in Benjamin Franklin wenig Möglichkeiten hätten, zu zeigen, was sie an Fähigkeiten mitbringen, sagte die Vorsitzende. Die Freiwilligen der Firma Roche lernten von den Asylbewerbern manch handwerklichen Kniff und wurden für ihr Engagement mit vielen schönen Begegnungen belohnt. Und die eine oder der andere waren sich sicher, dass sie die Kontakte weiter führen möchten.

Dank für Unterstützung

Am Ende bedankten sich Gudrun Müller vom Bürgerverein und Christine Nortmeyer von der Freilichtbühne bei den geflüchteten Menschen und den Freiwilligen von Roche für deren tatkräftige und wertvolle Unterstützung. Auch Klaus Metzger-Beck vom Freundeskreis Asyl Karlsruhe e.V. drückte seine Freude über die gelungene Aktion aus und bedankte sich bei allen, die dieses Erlebnis möglich gemacht haben.

Mannheimer Morgen, 03.11.2017, baum/red

Fassade der Ex-Manager bröckelt

Premiere – Freilichtbühne führt im Zimmertheater “Top Dogs” auf / Sozialsatire des Schweizer Autors Urs Widmer

Acht ehemalige, hoch bezahlte Top-Manager sind hart auf dem Boden der Realität gelandet. Alle wurden entlassen, werden aber – als letztes Zugeständnis der ehemaligen Chefs – in einem “Outplacement-Center” auf die Erfordernisse einer neuen Arbeitswelt vorbereitet. Auf den ersten Blick scheint Angelika Mehr Kursleiterin zu sein, doch dann entpuppt sie sich selbst als eine, die freigesetzt wurde. Nach und nach wird klar: Hier coacht jeder jeden – was oft zu amüsanten Verwirrungen führt.

Mit “Top Dogs” des Schweizer Autors Urs Widmer hat sich die Mannheimer Freilichtbühne zu Beginn der Winterspielzeit viel vorgenommen. Doch nicht zu viel, die Premiere der Sozialsatire im Zimmertheater wird zu Recht gefeiert. Das Vorhaben von Regisseur Holger Ohm, das Spielen in den Fokus zu rücken, geht auf. Die Bühne ist bis auf acht Stühle und einen Cateringwagen im Hintergrund fast leer. Das Auge des Zuschauers wird durch nichts von den acht Akteuren abgelenkt. Und die lassen sich voll und ganz auf ihre Rollen ein, spielen sie unter ihren eigenen Namen, werden eins mit Widmers Charakteren, wirken durch und durch authentisch.

Mannheimer Morgen, 16.10.2017, Sybille Dornseiff

Premiere im Zimmertheater auf der Freilichtbühne

Keine leichte Kost präsentiert Regiseur Holger Ohm mit seinem Ensemble in dieser Saison im Zimmertheater der Freilichtbühne. Zu sehen gibt es das Theaterstück “Top Dogs” von Urs Widmer, welches im Mai 1996 im Theater am Neumarkt in Zürich seine Uraufführung feierte.

Das Drama Top Dogs, das 1997 im Verlag der Autoren erschienen ist und mehrfach ausgezeichnet wurde, beschäftigt sich mit gekündigten Topmanagern, die der völligen Entfremdung von ihrem Beruf, ihrem Privatleben und sich selbst zum Opfer gefallen sind und nun mit Hilfe der New Challenge Company versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen und möglichst schnell einen neuen Job zu erhalten. Alle Personen leiden unter ihrer Entlassung und können kaum begreifen, dass sie nun die Entlassenen sind. Sie müssen nun das, was sie vielen Arbeitnehmern zuvor durch deren Entlassung angetan haben, selbst erleben.

Das Drama zeigt die völlige Entfremdung der „Top Dogs“ von ihrem Beruf, ihrem Privatleben und sich selbst. Keiner der entlassenen Manager schafft es, nach seiner Kündigung in ein „normales“ Leben zurückzufinden (außer Julika Jenkins; sie erhält nach ihrer Entlassung eine Anstellung bei Eichbaum in Südkorea.). Sie alle sind gefangen in dem Wahn, nach ihren alten Zielen zu streben: Macht, Einfluss, Ansehen und Geld. Familienglück oder Empfinden von Liebe sind für die Charaktere nicht mehr möglich, da sie so sehr von diesen Werten und Gefühlen entfremdet sind. Die „Top Dogs“ sind gefangen im System, was auch daran zu erkennen ist, dass sie sich auf alle „Spiele“ im Outplacementcenter einlassen, obwohl deren Sinn vielfach fragwürdig erscheint.

Alle Spieler agieren übrigens unter ihrem eigenen Namen: Andreas Burger, Thorsten Graefe, Matthias Heckmann, Wolfgang Heuer, Michael Knapp, Angelika Mehr, Sandra Mercatoris und Peter Ziesche.

Premiere ist am Samstag, 14. Oktober, 20 Uhr, im Zimmertheater. Die letzte Vostellung ist am 2. Dezember.

Karten gibt es unter der Ticket-Hotline 0621-7628100.

Stadtteil-Nachrichten Mannheim, Mittwoch, 11.10.2017, mhs / red

Skurriler Weg zurück zum Erfolg

Freilichtbühne: Die neue Saison im Zimmertheater beginnt in einer Woche mit der Sozialsatire “Top Dogs” / Regisseur Holger Ohm wagt “eine Art Experiment”

Alle Acht waren als “Top Dogs”, als Spitzenmanager, hochbezahlt, angesehen, stellten ihre Arbeit vor die Familie und verloren so gegenüber ihren Mitmenschen und Mitarbeitern jegliche Empathie. Nun teilen sie selbst das Schicksal derer, die sie einst entlassen haben. Ohne Job, also ohne das einzige, das ihnen das Leben lebenswert machte, versuchen sie, in einem Beratungsdienstleistungscenter (Outplacement-Center) durch Neuorientierung den Weg zurück zum Erfolg zu finden. Und merken nicht, wie sie mit absurden Methoden einer Hirnwäsche unterzogen werden; wie das, was sie an Strategien, Ritualen und Spielen lernen, jeglichen Sinnes entbehrt.

Bewusster Kontrast

Die Zimmertheatersaison der Freilichtbühne beginnt am Samstag, 14. Oktober mit einer Aufführung, die Regisseur Holger Ohm als “eine Art Experiment” bezeichnet. Der Vorsitzende des Amateurtheatervereins in der Gartenstadt will mit “Top Dogs” des 2014 verstorbenen Schweizer Autors Urs Widmer – “er ist für mich der Nachfolger Friedrich Dürrenmatts” – ganz bewusst einen Kontrast setzen zu den eher opulenten Erfolgsstücken aus dem vergangenen Sommer mit “Dr. Jekyll und Mr. Hyde” sowie der ” Froschkönig”. Denn in der 1996 uraufgeführten Sozialsatire konzentriert sich das Ensemble voll und ganz auf das Schauspielen, findet das Auge des Betrachters auf der fast kahlen Bühne wenig Ablenkung. “Wir haben schon Anfang des Jahres mit den Proben begonnen und sind ganz anders als bisher an die Rollenentwicklung und Typenerarbeitung herangegangen”, schildert Ohm einen arbeitsintensiven Prozess. Ziel war es, nicht einfach einen Text zu lernen und sich in eine Rolle hineinzuversetzen, sondern einen Teil der eigenen Persönlichkeit und viel Wahrhaftigkeit hineinzubringen. Dazu gehört, dass alle acht Akteure unter ihrem eigenen Namen spielen und dass die Proben schon sehr früh für Publikum zugänglich waren. “Wir haben viel von den Hinweisen aus oft eigenem Erleben profitiert”, sagt Ohm. Das geschah übrigens ganz im Sinne Urs Widmers, denn der führte, bevor er sein Stück schrieb, viele Gespräche mit Arbeitslosen. Neu an Holger Ohms Inszenierungsarbeit ist auch der teilweise Verzicht auf exakte Regieanweisungen. “Viele Gänge und Abläufe sind nicht festgelegt, sondern variieren ständig.” Für Andreas Burger, erst seit einem Jahr im Freilichbühnen-Ensemble und selbst Spielleiter in Dudenhofen, war Ohms Herangehensweise ungewohnt. “Ich stehe seit 25 Jahren auf der Bühne, aber immer im Boulevard. Die Arbeit mit Holger war eine Bereicherung. Ich bin sehr froh, dass er mich gebeten hat, mitzuspielen.”

Spannende Rollen

Relativ frisch bei der Freilichtbühne, noch jung an Jahren, dennoch theatererfahren und auf dem Sprung zur Profikarriere ist Thorsten Gräfe. “Die Rollenerarbeitung nah an einem selbst war sehr spannend, immer spontan. Es hat schon eine gewisse Perversion, umgebogen zu werden, damit man auf dem Arbeitsmarkt funktioniert.” Einer, der diese Erfahrung ganz neu macht, ist Wolfgang Heuer. Er ist der Neue in der Gruppe, die ihn aufgrund ihrer Erfahrung anleitet. “Durch die Inszenierung wird auch das Publikum in das scheinbar sinnvolle, aber auf den zweiten Blick sinnentleerte Outplacement-Prozedere eingeführt”, erläutert Regisseur Holger Ohm und betont: “Das hat natürlich seine komischen Seiten. Aber ,Top Dogs’ ist eine Satire, kein Schenkelklopfer.”

Mannheimer Morgen, Samstag, 07.10.2017, sd

Hochnäsige Hexen, zickige Prinzessinnen und der Frosch

Theater: Freilichtbühne landet mit ihrem neuen Stück wieder einen Volltreffer und verknüpft dabei zwei Geschichten miteinander

Kichern ohne Ende, Gelächter, lautes, glucksendes Lachen, ja auch mal Proteste und Warnungen: Die Reaktionen der kleinen Zuschauer auf den „Froschkönig“ zeigte den Amateur-Schauspielern von der Mannheimer Freilichtbühne, dass sie mit dem von Sabine Valentin und Angelika Herzog-Eicher inszenierten Kinderstück wieder einmal einen Volltreffer gelandet haben. Schon vor einigen Jahren war das Stück als kleine Version im Zimmertheater gespielt worden. Um es nun für 27 Darsteller auf die große Bühne zu bringen, hat Autor Raphael Protiwensky noch ein paar Rollen hineingeschrieben, unter anderem aus einer Prinzessin ein Trio gemacht und einen neuen Koch kreiert. Natürlich haben die Regisseurinnen auch großen Wert darauf gelegt, dass die Kindergruppe richtig zum Zug kommt. Als Auftragsarbeit der Freilichtbühne komponierte der Frankfurter Frank Moesner die passende, eingängige Musik.

Beifall will kein Ende nehmen

Die bunte, mit Liedern, Tänzen und Pyrotechnik angereicherte, amüsante und kindgerechte Aufführung des spielfreudigen Ensembles kam bestens an. Am Ende der gut zwei Stunden wollte der Beifall kaum ein Ende nehmen, und die Kinder standen Schlange, um sich vor allem mit dem Frosch fotografieren zu lassen. Denn der war der Star bei den jungen Zuschauern. „Der ist witzig“, sagte die fünfjährige Lena. „Mir hat am besten gefallen, wie der Frosch am Tisch gegessen hat“, äußerte sich der sechsjährige Louis schon deutlicher, während die Gunst seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Elli anfangs noch eher dem Prinzen lag, bevor sie sich dann doch für den Frosch entschied. Der war wieder einmal eine Paraderolle für den agilen Philipp Valentin, der nicht nur seinen Charme und sein schauspielerisches Talent einsetzen konnte, sondern auch seine enorme körperliche Präsenz. Seine Gegenspielerin ist die Hexe Winifred von der Nudelburg, eine Angeberin erster Güte, die viel verspricht, wenig hält und bei dem glänzend aufgelegten Thomas Nauwartat-Schultze in besten Händen ist. Eigentlich hat Autor Raphael Protiwensky in dem Stück zwei Geschichten miteinander verwoben. Da geht es zum einen um die bekannte Grimm’sche Vorlage vom Frosch, der die goldene Kugel der Prinzessin aus dem Brunnen holt, dafür aber verlangt, ihr Spielgefährte und Hausgast zu sein. Auf der anderen Seite gibt es die Hexen, die sich einen Spaß daraus machen, Kinder in Haustiere zu verwandeln. Nun soll endlich auch Winifred beweisen, dass sie zaubern kann. Was ihr zwar gelingt, als sie aus dem eitlen und arroganten Prinzen (Sebastian Kaumann) einen Frosch macht. Doch der entkommt und die Suche nach dem Beleg der Zauberkunst führt sie inkognito als Bedienstete ins Schloss und erweist sich als höchst schwierig. Auch weil der Koch (Michael Mendes) zu gerne die Schenkel des Frosches selbst verarbeiten würde. Im Schloss verweben sich dann die beiden Storys, die aber noch etwas verbindet. Denn es geht in beiden Handlungssträngen um Versprechen. So sieht sich nicht nur Hexe Winifred genötigt, mit einem Haustier zu ihren Kolleginnen zurückzukehren, um nicht mehr als Lügnerin azustehen. Auch der König (Cyro Klein) verlangt, dass seine drei Kinder, die pferdebesessene Edeltrud (Lisa Bechtold), die etwas dämliche Kunigunde (hervorragend Jana Eicher) und die zickige Friederike ihre Versprechen einhalten. Das gilt vor allem für Friederike (Chiara Hildenbrand), die höchst widerwillig dem Frosch Quartier gibt. Natürlich wird am Ende alles gut und aus dem zurückverwandelten Frosch wird sogar ein angenehmer Mensch. Allein Winifred muss haustierlos Farbe bekennen. Eine Bereicherung ist der zehnköpfige Bewegungschor Choreografie Claudia Griethe), der nicht nur dem Schlosspersonal tänzerisch Gestalt gibt, sondern auch die Umbauten vornimmt. Fast ebenso viele Akteure wie auf der Bühne sind und waren hinter den Kulissen von Nöten, um den „Froschkönig“ wirkungsvoll in Szene zu setzen. Wieder einmal ganze Arbeit hat dabei die Kostümabteilung geleistet.

Mannheimer Morgen, Juni 2017, Sibylle Dornseiff

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Sehenswerte Aufführung der Freilichtbühne Mannheim

Der angesehene Arzt Dr. Henry Jekyll forscht nach einer bewusstseinsverändernden Droge, die das Böse vom Guten im Menschen trennen kann. „Man soll das Böse akzeptieren und nicht unterdrücken!“, ist er überzeugt, was zu hitzigen Diskussionen und letztendlichem Zerwürfnis mit seinem Freund und Arzt Dr. Hastie Lanyon führt. Im Selbstversuch scheint sein Experiment gelungen, aus dem beliebten Arzt und gesellschaftlich anerkannten Wohltäter wird zeitweise das menschenverachtende Monstrum Edward Hyde, der das London im Jahre 1888 in Angst und Schrecken versetzt. Ahnungslose Spaziergängerinnen werden aus entfesselter Wut niedergeschlagen bzw. getötet, einer Prostituierten schüttet er grundlos Säure ins Gesicht, Kinder schlägt er rücksichtlos und schreckt auch nicht vor dem sinnlosen Mord an dem Abgeordneten Sir Denver Carrew zurück. Im weiteren Verlauf bleibt nicht einmal seine eigene Verlobte verschont. Sie landet nach seinem Überfall auf sie im Irrenhaus. Den überlebenden Opfern prägt sich nur eines ein: der abgrundtief böse Blick ihres Peinigers. Mit der Zeit gelingt es Jekyll kaum noch, das Böse zu kontrollieren. Bereits im Schlaf und ohne die Einnahme des Elixiers mutiert Jekyll in Hyde, verändert sich charakterlich zusehends. Seine engsten Freunde John G. Utterson und Dr. Hastie Lanyon will er nicht mehr sehen, er bricht den Kontakt mit seiner Verlobten endgültig ab und zieht sich immer mehr zurück. Tief besorgt spionieren Utterson und Lanyon Jekyll nach. Die Spur führt zu Hyde, den sie schließlich aus einem kleinen, baufälligen Haus herauskommen sehen. Jekyll erkennt indes, dass er weder von der Droge loskommt, noch den Dämon in sich besiegen kann. Im Gegenteil, er sieht ihn an Übermacht gewinnen und bittet Lanyon verzweifelt um Hilfe. Dieser soll ihm ein Gegengift applizieren und ihn damit retten. Lanyon schafft dies zwar im Kampf mit dem sich in Hyde verwandelten Jekyll, wird aber dadurch wahnsinnig und stirbt. Fassungslos stellt Jekyll die begrenzte Wirkungsdauer des Antidots fest, die grauenhafte Metamorphose setzt vor den Augen der entsetzten Bürger mitten im Hydepark ein. Jekyll sieht keinen Ausweg mehr, als sich selbst ein Ende zu bereiten. Thomas Nauwartat-Schulze gelang eine meisterhafte Inszenierung nach der weltberühmten Novelle des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Dramaturgische Akzente wie das Spiel der Hauptdarsteller vor phasenweise „eingefrorenem“ Background sorgen für Plastizität und lassen den Zuschauer näher rankommen an die Seele Jekylls. Das Bühnenvolk kommt mit Verdichtungssequenzen professionell rüber, Szenen wie der Auftritt der Frauenrechtlerinnen oder eine Wohltätigkeitsveranstaltung lassen in die Gesellschaft Londons der damaligen Epoche schauen. Nauwartat-Schultze zeichnet ein einprägsames Bild des historischen Aufbruchs hin zur Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen und Unterdrückung. Mit dem detailverliebten Bühnenbild wird der Zuschauer in die (teilweise mobile) Kulisse des Londons ins Jahr 1888 versetzt: vom gemütlichen Wohnzimmer bis zum unheimlichen Versuchslabor, dem gruseligen Haus Hydes, dem abendlichen Flair (markant unterstrichen durch die Beleuchtung in Gestalt brennender Mülltonnen) und einer äußerst gelungenen Perspektive in Londons Gassen bei Nacht an der Treppenposition – großer Chapeau für das Bühnenbauteam. Atmosphärisch verstärkt die Geräuschkulisse den Zeitsprung in das ausschleichende 19. Jahrhundert. So ruft Big Ben höchstpersönlich die Zuschauer zu ihren Plätzen, auch fehlt die im Chor gesungene Nationalhymne „God save the Queen“ nicht. Mit feinem Gespür setzt der Regisseur das ganze Stück über passende Musikelemente als Verstärker ein. Stevensons beabsichtigte Gesellschaftskritik an der erzwungenen Verdrängung nicht gesellschaftskonformer Wünsche und Bedürfnisse bzw. Konventionen des Viktorianischen Zeitalters (1837-1901) und der vorherrschenden bürgerlichen Moralauffassungen, seine Warnung vor den Konsequenzen einer empathielosen, sadistischen Menschheit sind klar erkennbar und überzeugend dargestellt. Philosophische Betrachtungsweisen kommen nicht zu kurz und spiegeln sich beispielsweise im Streitgespräch Jekylls mit Lanyons wider. Das 50-köpfige Ensemble beweist schauspielerische Höchstleistungen. Voran Marco Hullmann in der Hauptrolle besticht durch nuancenreiches Spiel, setzt die stufenweise Veränderung von Jekyll zu Hyde und die Unkontrollierbarkeit des Bösen grandios um. Seine Freunde, der besorgte Anwalt John G. Utterson (Christian Lange), der sich von Jekyll abwendende Dr. Hastie Lanyon (Bernd Schönfelder) und die bezaubernde Verlobte Charlotte Lloyd (Simone Eisen) sind eindrucksvoll dargestellt. Brillant auch kleinere Rollen wie die kesse Prostituierte Mary (Santina Rudolph) oder die pfiffigen Zeitungsjungen Will (Bastian Bauer) und Tom (Jan Köhler). Durch die ambitionierten Akteure sämtlicher Neben- und Statistenrollen wirkt das Stück lebendig und authentisch. Jede kleinste Handlung ist gut durchdacht und dargestellt. Perfektion in Maske und Kostümbildnerei runden das Geschehen ab. Theaterbegeisterte haben die Gelegenheit, sich an folgenden Abenden, jeweils 20 Uhr zu gruseln: 7., 8., 14., 15., 20., 22., 29. Juli, 3., 4. und 5. August.

Käfertaler Zeitung, Juli 2017, CoKo

Freilichtbühne zeigt Dr. Jekyll und Mr. Hyde

An ein ganz besonderes Stück haben sich die Darsteller der Freilichtbühne zusammen mit Regisseur Thomas Nauwartat-Schulze in diesem Jahr gewagt. Sie bringen den Klassiker „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, den Robert L. Stevenson bereits 1886 geschrieben hat und der seuther unzählige Male verfilmt wurde in der Schauspielfassung von Bernd-Klaus Jerofke auf die Bühne des Open-Air-Theaters in der Gartenstadt. Rund 50 Personen sind an der Aufführung in teils sehr aufwändigen Kostümen zu sehen und zu hören. Und um es gleich vorweg zu nehmen, was sie hier bieten ist ganz großes Theater. Allen voran Marco Hullmann, der den Dr. Jekyll spielt, der sich durch seine Selbstversuche mit einer Droge immer öfter in den mordenden Mr. Hyde verwandelt. Klar, dass es da am Ende jederAufführung lang anhaltenden Applaus des Publikums für die großartigen Leistungen aller Darsteller gibt. Nicht weniger aufwändig als die Kostüme ist das Bühnenbild. Schließlich befindet man sich im London des Jahres 1888, im viktorianischen Zeitalter. Armut, Kinderarbeit, Prostitution und Arbeitslosgeit sind überall zu spüren. Die Frauen fordern mehr Rechte für sich aber auch mehr Schutz. Was ein Glück, dass es den wohlwollenden Dr. Jekyll gibt, der sich gerne wohltätig engagiert und für das neue Frauenhaus spendet. Vor allem die Damenwelt ist von dem smarten Junggesellen angetan, der aber nur Augen für seine zukünftige Verlobte Charlotte hat, von der er sich aber auch zurück zieht. Doch die Stadt wird auch von einem unheimlichen Mörder heimgesucht, der des Nachts auftaucht und jeden mordet, der sich ihm in den Weg stellt. Hinter dem mordenden Mr. Hyde steckt natürlich auch Dr. Jekyll, der sich durch einen Selbstversuch mit einer Droge in eben diesen Mr. Hyde verwandelt. Diese Verwandlungen kommen immer häufiger, so dass Dr. Jekyll auch seine Freunde, den Advokaten John Utterson und den Arzt Hastie Lanyon nicht mehr um sich haben möchte und sich verleugnen lässt. Am Ende erfleht sich der verzweifelte zusammen mit Charlotte Hilfe von Gott. Also kein Happy End, aber ein Stück, das den Darstellern alles abverlangt, bei dem
sich die Zuschauer tatsächlich in die viktorianische Zeit in London versetzt fühlten und bei dem es, trotz aller Gruseligkeit, auch durchaus heitere Momente gibt. Dafür bedankten sie sich mit lang anhaltendem Applaus. Das Stück steht noch bis Anfang August auf dem Spielplan der Freilichtbühne in Mannheim-Gartenstadt.

Friedrichsfelder Wochenblatt, Juli 2017, Marion Schatz