Pressespiegel

Gefährliche Traditionen

Zimmertheater zeigt „Bernarda Albas Haus“

Die Kirchenglocken läuten und das Dorf ist zusammengekommen, um Bernardas Mann die letzte Ehre zu erweisen. Nun ist sie die Herrscherin im Hause Alba und gebietet die Einhaltung der Tradition, acht Jahre lang zu trauern. Ihr Haus wird zu einer Festung, in der auch die fünf heiratsfähigen Töchter isoliert werden.
„La Casa de Bernarda Alba“ gehört neben „Yerma“ und „Bluthochzeit“ zu den Dramen des Autors Federico García Lorca, in denen er die Unterdrückung der Frau in spanischen Dörfern der 1930er Jahre anspricht und das verlogene Ehrgefühl einer streng katholischen Gesellschaft anprangert. Bereits vergangenen Oktober hat Thomas Nauwartat-Schultze mit der Inszenierung des Stückes Besucher des Mannheimer Zimmertheaters tief bewegt. Coronabedingt auf die Warteliste gestellt, feierte er nun eine auf Abstand umgewandelte Wiederaufnahme.
Acht Jahre eingesperrt, das ist für Frauen voller Träume und sexueller Begehren grausam. „Arbeitet an eurer Aussteuer“, befiehlt die tyrannische Mutter (grandios: Sabine Valentin) und fordert von ihren Töchtern sowohl bedingungslosen Gehorsam als auch Anstand, um das Haus vor Gerede zu bewahren. Das jedoch ist kaum zu vermeiden, denn die Schwestern Alba sind alle in den attraktivsten Mann des Dorfes verliebt: Pepe el Romano soll die älteste, vom Vater beerbte reiche Augustias (stolz und etwas ängstlich: Claudia Bendig) heiraten, umwirbt aber die jüngste Adela (schnippisch, aufmüpfig: Agnetha Rauch) und macht die rivalisierende Martirio (kämpferisch verzweifelt: Santina Rudolph) eifersüchtig. Die gütige Magdalena (zurückhaltend: Silvia Schönfelder) und die sanfte Amelia (liebevoll: Nina Sumser) glätten die Wogen mit Nachsicht, während die unnachgiebige Bernarda lediglich über den Dorfklatsch besorgt ist. Kein Gespräch untereinander klärt die Situation, jeder macht seine Probleme mit sich aus. Allein die Magd La Poncia (lebensfroh, gefühlsdirekt: Wera Wörner) hat Verständnis für die „Frauen ohne Mann“ in diesem „gottverdammten Haus“. Sie kennt die Schwestern, hat sie aufgezogen, und versucht zu vermitteln, kann aber das Unglück nicht verhindern. Der Rest ist Schweigen. Ein erschütterndes Gesellschaftsbild, meisterhaft inszeniert.

Mannheimer Morgen, 29.09.2021, cha

„Rumpelstilzchen“ als Trostpflaster

Amateurensemble vom Zimmertheater bedauert Aus für Weihnachtsstück und bietet als Alternative ein Hörspiel

Die Geister der Weihnacht – sie dürfen nicht wirken. Ab dem Wochenende hätten sie im Zimmertheater der Freilichtbühne Gartenstadt dem alten Geizhals Ebenezer Scrooge den Sinn des Fests und der Nächstenliebe näherbringen sollen. Aber das eigens von Markus Muth einstudierte Weihnachtsmärchen darf nicht stattfinden – wie so viel derzeit wegen der Corona-Pandemie. „Sehr traurig für uns, aber vor allem trifft es die kleinen Zuschauer sehr – im Sommer kein Kinderstück bei uns und jetzt auch noch an Weihnachten kein Theater“, bedauert der Geschäftsführer der Freilichtbühne, Thomas Nauwartat-Schultze. Schon die ganze Sommersaison des Ensembles hatte abgesagt werden müssen. Das zunächst geplante Weihnachtsmärchen „Schneewittchen“ hat sich wegen der Abstandsregeln nicht umsetzen lassen – sieben Zwerge wären zu viel gewesen. Also setzte Regisseur Markus Muth kurzerhand „Fröhliche Weihnachten“ („A Christmas Carol“) nach Charles Dickens in Szene. Doch die ganzen Proben per Videokonferenz, das eigens umgebaute Zimmertheater – alles vergeblich.

Proben auf Abstand

Seit Monaten sei für ihn die Hauptsorge: „Kommen wir mit dem Geld hin?“ Seine Antwort: „Zum Glück ja, doch was wird nächstes Jahr?“ Bereits über 1000 E-Mails habe er seit dem ersten Lockdown geschrieben, unzählige Telefonate geführt. „Doch die Mühlen mahlen da leider sehr langsam“, sagt er mit Blick auf staatliche Unterstützung: „Ich kann nur hoffen, dass die Kultur nicht in Vergessenheit gerät. Theater und Musik schweigen, dabei sind gerade auch Chöre so wichtig für das soziale Miteinander“, so Nauwartat-Schultze, der auch den Freilichtbühnen-Chor Art-im-Takt leitet: „Von Konzerten sind wir noch meilenweit entfernt, und das macht mir Angst!“ „Versöhnlich“ stimme ihn, dass treue Zuschauer und Mitglieder den Verein mit Spenden bedacht haben und auch die Sponsoren „eine große Stütze in dieser so seltsamen Zeit“ seien. Sie hätten dem Verein die Treue gehalten, obwohl es kaum Aufführungen gab.
Gerade für die jüngsten Zuschauer bietet die Freilichtbühne „als kleines Trostpflaster“, so Nauwartat-Schultze, das Hörspiel des Weihnachtsstückes „Rumpelstilzchen“ aus dem Vorjahr für zehn Euro an. Zudem werden, damit Geld in die Kasse kommt, eine Freilichtbühnen- Tasse, spezieller Secco und das Jubiläumsbuch „100 Jahre Freilichtbühne“ verkauft, zudem Geschenkgutscheine – in der Hoffnung, dass die Sommersaison 2021 stattfindet. Anstatt sonst 83 Plätzen finden dort nach Corona-Regeln nur 43 Zuschauer Platz. Immerhin konnten im Herbst fünf Vorstellungen der Inszenierung „Bernarda Albas Haus“ von Thomas Nauwartat-Schultze gespielt werden. „Das Publikum kam. Da habe ich noch gedacht, o ja, die Anstrengungen der Videoproben und Abstands-Proben haben sich wirklich gelohnt, und es zahlt sich aus“, so der Geschäftsführer, „doch dann kam der zweite Lockdown“.

Mannheimer Morgen, 02.12.2020, pwr

Premiere von „Bernarda Albas Haus“

Eine Inszenierung, die unter die Haut geht

Ausgangspunkt der Handlung ist der Tod von Bernardas zweitem Ehemann. Mit der geschickt platzierten, coronatauglichen Massenszene der Totenmesse per Videoeinspielung eröffnet der Regisseur des Stückes Thomas Nauwartat-Schultze seine Inszenierung über „Frauen ohne Mann“. Bilder und Worte der dörflichen Trauergemeinde sprechen sehr deutlich die Situation in Bernardas Haus an, in dem es alles andere als harmonisch und friedlich zugeht. Hautnah erleben wir das erschütternde Aufbegehren der heranwachsenden Töchter gegen eine starre, streng katholisch geprägte spanische Gesellschaft. Herrisch verlangt Bernarda – überragend verkörpert von Sabine Valentin – nach der Totenmesse ihres verstorbenen Ehemannes eine bedingungslose, traditionelle achtjährige Trauer. Gewaltsam zwingt sie so ihre Töchter in die totale Isolation zur Außenwelt und tabuisiert rigoros Meinungen und Gefühle. Was zählt sind Gehorsam, Unterordnung und Anpassung an Tradition und Erwartungen der Nachbarn. Es ist geradezu erschütternd mitzuerleben, wie jede Einzelne mit ihren unterdrückten Begierden, ihrem Schmerz und ihren Ängsten umgeht. Bernardas starke Präsenz, die sie über das ganze Stück ausstrahlt, nimmt man jederzeit ab, dass sie zu allem bereit ist, die Tradition ihrer Vorfahren fortzusetzen. Damit ist der Grundstein für den dramatischen Konflikt gelegt. Lediglich der altgedienten Magd La Poncia – von Wera Wörner als gefühlsbetonter, mütterlicher und lebensfroher Gegenpol zu Bernarda dargestellt – ist der Kontakt zum Klatsch und Tratsch der Dorfgemeinschaft noch möglich. Sie führt in die Verhältnisse ein und kennt die Probleme und Verfehlungen der Töchter in diesem „gottverdammten Haus“, denn sie hat sie großgezogen. Immer wieder versucht sie zu vermitteln. Doch dem vertrauten Umgangston untereinander gebietet Bernarda sofort Einhalt, wenn sie ihr widerspricht. Aufgrund ihrer Herkunft und Position habe sie zu arbeiten und den Mund zu halten! Unnachgiebig beharrt sie auf ihrer Meinung. Als der Mob der Straße fordert, die Tochter der Nachbarin zu steinigen, weil sie ein außereheliches Kind zur Welt gebracht hat, stimmen alle bis auf Adela lautstark zu. In schockierender Weise erlebt man Bernardas kaltherziges Verhalten gegenüber ihrer als verrückt erklärten Mutter Maria Josefa – eindrucksvoll gespielt von Veronika Ludwig. Sie wird aufgrund ihres Andersseins als Schande empfunden und weggesperrt. Aber es gelingt ihr, aus dem Kerker auszubrechen. Auf Anweisung Bernardas wird sie wie ein wildes Tier von den Mägden eingefangen, gefesselt und zurückgeschleppt. An der imaginären Figur von Pepe El Romano, dem attraktivsten Mann im Dorf, entzündet sich der schwelende Konflikt der Verlockungen des Lebens. Obwohl er in aller Munde ist, tritt er nie auf. Er ist der Auslöser für die Handlungen der Frauen. Unerbittlich nimmt das Schicksal seinen Lauf. Angustias, die älteste Tochter – überzeugend dargestellt von Claudia Bendig – ist nach dem Tode ihres Stiefvaters von der Trauerzeit ausgenommen. Sie erwartet ihr Erbe, um dann durch Heirat das Haus zu verlassen. Bernarda willigt trotz Trauerzeit in die Hochzeit mit Pepe El Romano ein. Doch es kommt zum Eklat. Pepe, der nur ihre Mitgift im Blick hat, flirtet zwar mit ihr, trifft sich jedoch heimlich mit der jüngsten Tochter Adela – emotional gespielt von Agnetha Rauch. Bei ihr zeigt sich kontrastreich das Wechselspiel ihrer Gefühle. Mit ihrer Vitalität steht sie in klarem Kontrast zu ihren Schwestern, vor allem zur bedeutend älteren Angustias. Jedoch erkennt sie in ihrem Liebeshunger nicht, dass Pepe sie nur benutzt. Ihre Gefühle für ihn kann sie in ihrer jugendlichen Widerborstigkeit nicht im Zaum halten. Weil sie letztendlich an der übermächtigen Mutter und dem ungeschriebenen Gesetz der Familienehre scheitert, endet ihre Sehnsucht tödlich. Sehr deutlich zeigen sich die Gegensätze bei Martirio – kämpferisch und aggressiv gespielt von Santina Rudolph. Obwohl sie sich immer stärker zu Adelas Rivalin entwickelt, bleibt bis zum Schluss sichtbar, dass auch sie leidet. Der Zweifel Angustias an der Aufrichtigkeit Pepes und das heimliche Treffen Adelas mit Pepe, veranlassen sie, ihre Schwester bei der Mutter zu denunzieren. Eifersüchtig fühlt sie sich in die Rolle einer Märtyrerin gedrängt. Ihr aufgestauter blinder Hass gegen die tyrannische Mutter entlädt sich in einem Gewaltausbruch, dessen Realität erschaudert. Die große und gütige Magdalena und die jüngere Amelia – liebevoll dargestellt von Silvia Schönfelder und Nina Sumser – unterscheiden sich deutlich von ihren Schwestern. Sie spielen eine untergeordnete Rolle und sind dementsprechend positioniert. Obwohl auch sie in Pepe verliebt sind, haben sie sich in ihrer Hoffnungslosigkeit mit ihrem Schicksal abgefunden. Sie gehen ganz in den ihnen zugeteilten Aufgaben auf: zu Hause bleiben, an der Aussteuer nähen und ihrer Mutter widerspruchslos gehorchen. Die übrigen Darstellerinnen, die Mägde und die dörfliche Trauergemeinde unterstreichen in ihren Rollen die Dramatik. Mit der Einzigen nicht im Hause lebenden entfernten Verwandten Prudencia – lebensnah dargestellt von Sandra Sebastian – wird noch einmal die Zerbrechlichkeit der starren Tradition und der sich ankündigende Ausbruch aus der Unterdrückung in Form eines unbändigen Hengstes deutlich gemacht. Zum Schluss versucht Bernarda mit brachialer Gewalt, Moral und Familienehre wiederherzustellen. Blindwütig schießt sie auf Pepe, ohne ihn jedoch zu treffen. Adela glaubt, dass ihr Geliebter tot sei und erhängt sich in ihrem Zimmer. Bernarda trauert einen kurzen Moment, fällt aber sofort wieder in ihre Rolle als herrschsüchtiges Familienoberhaupt zurück. Gefühllos und wider besseres Wissen verbannt sie den Makel des Selbstmordes mit den Worten: „Wir werden alle tief in ein Meer von Trauer tauchen. Adela, die jüngste Tochter von Bernarda Alba, ist als Jungfrau gestorben. Habt ihr mich verstanden? …Schweigen habe ich gesagt!“ Mauern und Türen sucht man vergeblich. Sie werden auch nicht benötigt, denn sie sind ins Innere, in die Seelen der Darstellerinnen gewandert. Unter die Haut gehende emotionale Ausbrüche, die nach einer Nähe verlangen, sind coronabedingt auf Distanz gehalten, aber in ihrem aggressiven Ausdruck dadurch noch stärker in ihrer Wirkung. Die menschliche Natur in all ihren Facetten hat Thomas Nauwartat-Schultze exzellent in lebendige Charaktere mit punktgenauer Körperchoreografie umgesetzt. Mit langanhaltendem Beifall bedankte sich das Premierenpublikum am Schluss der Aufführung beim gesamten Ensemble für diese virtuose und hochkarätige Glanzleistung.

Gartenstadt-Journal, November 2020, WE

Unterdrückung und Freiheitsdrang

Zimmertheater feiert Premiere unter Corona-Bedingungen

WALDHOF. „Das Stück reizt mich schon seit langem“, sagt der Regisseur und Geschäftsführer der Freilichtbühne Mannheim, Thomas Nauwartat-Schultze. In der Besonderheit des Stückes steckt aber auch eine Herausforderung, nämlich dass es ausschließlich von Frauen gespielt wird. Seit März wurde unter Corona-Bedingungen geprobt. Also digital per Zoomkonferenz. „Die Textproben am Computer waren am Anfang für alle Beteiligten etwas ungewohnt, aber sehr hilfreich und ergiebig“, erzählt der Regisseur. Als Anfang Juni wieder Proben möglich waren, te man sich „Das fällt nicht immer leicht und der Zollstock ist mein ständiger Begleiter,“ sagt Nauwartat-Schultze. Das Stück wurde umgeschrieben, da nur fünf Darstellerinnen gleichzeitig auf der Bühne stehen dürfen. „Ich finde das Stück sehr Corona-tauglich, da jede Frau ihre Trauer und ihr Schicksal mit sich ausmacht und verarbeitet, da kommt keine Nähe auf. Für die Massenszene, die Beerdigung des Vaters, haben wir uns etwas einfallen lassen,“ verrät er. Auch das Bühnenbild und das Zimmertheater wurden den Vorgaben angepasst. Anstatt 83 Zuschauer finden nun 43 Theaterfreunde Platz. Auch der Außenbereich für die Pause wurde neugestaltet. Viele fleißige ehrenamtliche Hände waren hier am Werk. Das Stück „Bernada Albas Haus“ feiert am 10. Oktober um 20 Uhr Premiere. Die Spielzeit dauert bis 22. November 2020, eine Wiederaufnahme ist für 2021 im Frühjahr geplant. Reservierungen für alle Termine 2020 sind unter 0621 7628100, tickets@flbmannheim.de oder persönlich in der Geschäftsstelle (mittwochs 11 bis 12 Uhr oder 18.30 bis 20 Uhr) möglich. Bereits gekaufte Karten für „Schneewittchen“, das unter den geltenden Beschränkungen nicht im Zimmertheater gespielt werden kann, müssen vorher gegen neue Platzkarten eingetauscht werden.

Nordnachrichten Mannheim, Oktober 2020

Alles umgebaut und umgeschrieben

Gartenstadt – Amateurensemble der Freilichtbühne zeigt im Zimmertheater „Bernada Albas Haus“ unter Corona-Bedingungen

Anstatt 83 Plätzen, die oft ausverkauft waren, finden nun nur 43 Zuschauer Platz – aber so klappt es. Ab Samstag, 10. Oktober beginnt die Saison im Zimmertheater der Freilichtbühne. Dazu musste das Amateurensemble in der Gartenstadt das seit 1956 bestehende Gebäude eigens umbauen, die Zwischenwand und die Podeste entfernen, damit trotz der strengen Vorgaben aufgrund der Corona-Pandemie überhaupt der Betrieb starten kann. „Wir freuen uns alle so sehr, dass wir endlich wieder spielen dürfen, und freuen uns auf unser Publikum“, so der Geschäftsführer der Freilichtbühne, Thomas Nauwartat-Schultze. Premiere ist mit einem Klassiker: „Bernada Albas Haus“, Federico García Lorca Drama über eine verwitwete Frau und ihre fünf Töchter im ländlichen Spanien, autoritäre und verkrustete Gesellschafts- und Familienstrukturen. Nauwartat-Schultze hat die Regie übernommen. „Das Stück reizt mich schon seit langem, da es so viele brisante Themen birgt und fantastische Charaktere bietet.“ Eine Herausforderung indes bestehe darin, dass das Stück ausschließlich von Frauen gespielt wird, sagt er.

Proben per Videokonferenz

Seit März wird geprobt – unter Corona-Bedingungen, also digital per Videokonferenz, denn die ganze Sommersaison des Ensembles war abgesagt worden. „Die Textproben am Computer waren für alle Beteiligten etwas ungewohnt, aber sehr hilfreich und ergiebig“, so der Regisseur. „Die vielen Stunden haben sich gelohnt, denn als wir wieder auf der Bühne proben durften, seit Anfang Juni, konzentrieren wir uns auf die szenische Umsetzung“, berichtet er. Den vorgeschriebenen Abstand von 1,50 Meter einzuhalten, falle nicht immer leucht, „und der Zollstock ist mein ständiger Begleiter.“ Das Stück musste auch umgeschrieben werden, da nur fünf Darstellerinnen gleichzeitig auf der Bühne stehen dürfen. „Auftritte und Texte wurden gemeinsam verteilt und angepasst. Das war sehr spannend“, so der Regisseur. Er finde das Stück aber „sehr coronatauglich, da jede Frau ihre Trauer und ihr Schicksal mit sich ausmacht und verarbeitet, da kommt keine Nähe auf“. Für die Massenszene, die Beerdigung des Vaters, habe man sich „etwas einfallen lassen“, deutet er an. Sabine Valentin, eigentlich künstlerische Leiterin des Vereins, wird in der Titelrolle zu sehen sein, Wera Wörner steht ihr als resolute Magd La Poncia als Pendant gegenüber. Gespielt wird zunächst bis zum 22. November, eine Wiederaufnahme ist für 2021 im Frühjahr geplant.
Dazwischen steht ein Weihnachtsstück auf dem Spielplan – doch das zunächst geplante „Schneewittchen“ hat sich wegen der Abstandsregeln nicht umsetzen lassen. Dafür laufen bereits die Proben für „Fröhliche Weihnachten“ („A Christmas Carol“) nach Charles Dickens, wofür Regisseur Markus Muth eingesprungen ist. Eine Fassung für Kinder ab sechs Jahren wird am 5. Dezember um 16 Uhr Premiere haben. Die Geister der Weihnacht werden versuchen, dem alten Geizhals Ebenezer Scrooge den Sinn des Fests und der Nächstenliebe näherzubringen.

Mannheimer Morgen, 08.10.2020, pwr

Spielzeit komplett abgesagt

„Bis auf eine Szene war alles gestellt und schon mal geprobt“, sagt Ute Zuber wehmütig – doch vergeblich. Die Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“, die sie für die Freilichtbühne Mannheim inszeniert hat, fällt ebenso wie komplett aus wie das Kinderstück „Michel in der Suppenschüssel“. Das älteste und größte Amateurtheater der Region, das zuletzt im Sommer über 13 000 Zuschauer anzog, hat jetzt wegen der Corona-Krise seine komplette Sommersaison abgesagt. „Bitter, ganz bitter“, fühlt sich das für Zuber an, die seit 1998 in dem Ensemble aktiv ist. Die Komödie nach dem gleichnamigen Film von Philippe de Chauveron und Guy Laurent ist ihre vierte Regiearbeit. Seit September hat sie das Stück vorbereitet. „Wir sind Amateure, wir müssen nicht davon leben, dass wir spielen – aber sehr, sehr traurig ist das für uns alle schon“, so Ute Zuber.

„Wie ausgebremst“

Matthias Heckmann wäre ihr Hauptdarsteller gewesen. „Nicht perfekt, aber über den Daumen hatte ich den Text schon ’drauf“, erzählt er, und bis zur Premiere im Juni wäre genug Zeit für Feinarbeit gewesen. Drei Monate studierte er die Rolle schon ein – „und jetzt fühle ich mich ausgebremst“, und das nicht nur auf der Freilichtbühne. Auch beim Boulevardtheater Deidesheim, wo er ebenso spielt, fällt alles aus, und beruflich hat der Dolmetscher, der oft ausländische Delegationen begleitet, auch nichts zu tun: „Da fehlt etwas, das ist traurig. Man weiß nicht, was man machen soll“, seufzt er. Aber zur Absage habe es keine Alternative gegeben, bedauert Sabine Valentin, die künstlerische Leiterin. Derzeit hätten die Behörden ohnehin Großveranstaltungen bis Ende August verboten – und auch wenn die Personenzahl noch nicht genau definiert sei, falle die Freilichtbühne mit ihren 750 Plätzen sowie zahlreichen Akteuren vor und hinter den Kulissen sicher darunter. Zudem sei unklar gewesen, wie man auf den Toiletten, beim Einlass oder auch im Zuschauerraum Abstandsregeln einhalten solle. „Wir wollten auch nicht öffnen, wenn alle sagen, dass die Leute zu Hause bleiben sollen“, betont Valentin: „Die Verantwortung wäre zu hoch gewesen – dem Publikum und den Akteuren gegenüber“, so Valentin.
Seit 1950 bespielt der 1913 als „Dramatischer Club“ gegründete Verein das ehemalige Schießstand-Gelände im Käfertaler Wald. Trotz aller Wetterkapriolen, Vereins- und Wirtschaftskrisen – seither wurde jeden Sommer gespielt. Nun hoffen die 25 Mitwirkenden des Kinderstücks und die 30 Beteiligten beim Abendstück alle darauf, dass die für jetzt einstudierten Werke in der Sommersaison 2021 gezeigt werden können, „so ist zumindest der Plan“, sagt die künstlerische Leiterin. Sie wünscht sich sogar, wenigstens im Herbst den Betrieb im Zimmertheater mit „Bernada Albas Haus“ aufnehmen zu könnten. „Derzeit sind Proben nur im Videochat möglich, wir hoffen aber, dass wie im Sport auch im Kulturbereich bald Erleichterungen zugelassen werden,“ so Valentin. Ein Problem ist allerdings, dass auch zwölf – eigentlich nahezu ausverkaufte, aber wegen des Coronavirus abgesagte – Zimmertheater-Vorstellungen von „Kings Speech“ aus dem Frühjahr nachgeholt werden müssten, sonst droht die Zahlung von Ausfall-Tantiemen an den Verlag. Holger Ohm beziffert die Einnahmeausfälle beim Zimmertheater und die fehlende Sommersaison zusammen auf etwa 150 000 Euro Verlust. „Das sind die Durchschnittseinnahmen der letzten drei Spielzeiten“, so Ohm, der seit vier Jahren den 400 Mitglieder zählenden Trägerverein führt. Etwa 150 davon seien vor, hinter und auf der Bühne aktiv. Für sie bedeute die Absage „einen tiefen Einschnitt“. „Wir haben in den letzten Jahren sehr gut gewirtschaftet und werden die Krise überstehen“, versichert zwar Geschäftsführer Thomas Nauwartat-Schultze. Man werde „alles tun, um die Arbeitsplätze der vier Angestellten zu erhalten“.
„Wir sind wirtschaftlich auf uns selbst gestellt und müssen an die Rücklagen ’dran, viele geplante Instandsetzungen zurückstellen“, sagt Ohm. Der neue Steinbelag für den Zuschauerraum werde „mit Sicherheit geschoben“. Auch bei Baumpflegearbeiten und Fassadenarbeiten „müssen wir schauen, was sich schieben lässt“. Er wolle jedoch „versuchen, die Mitglieder bei der Stange zu halten“ – etwa durch Gartenarbeiten in Kleingruppen. Die Jugendgruppe ist schon aktiv geworden: Sie bietet einen Einkaufsservice für ältere Mitglieder an.

Mannheimer Morgen, 29.04.2020, Pwr

Sommersaison abgesagt! Schwere Entscheidung für die Freilichtbühne Mannheim

Seit sich im Jahre 1950 die Pforten an der Kirchwaldstraße in Mannheim Gartenstadt zum ersten Mal dem Publikum öffneten hat es so etwas noch nicht gegeben. Jahr um Jahr, ohne Unterbrechung gab es in den Sommermonaten Theater unter freiem Himmel. Man trotzte allen Arten von Wetterkapriolen, Vereins- und Wirtschaftskrisen, jetzt aber mussten die rund vierhundert Mitglieder des ältesten und größten Amateurtheater der Region vor einem winzigen, unsichtbaren Gegner kapitulieren. „Der Corona-Virus und die daraus resultierenden Schutzmaßnahmen zwingen uns, die Sommerspielzeit 2020 abzusagen.“ Der Vorstand reagierte damit in einer Video-Sondersitzung auf die kurz zuvor veröffentlichte neue Corona-Verordnung des Landes.
Die bereits im Vorverkauf ausgegebenen Karten für „Michel in der Suppenschüssel“ und „Monsieur Claude und seine Töchter“ können umgetauscht, zurückgegeben oder gespendet werden. Das Amateurtheater, das sich zu über 90 Prozent aus eigenen Einnahmen finanziert, rechnet für das ganze Jahr mit Ausfällen in sechsstelliger Höhe, zumal bereits rund ein Dutzend, überwiegend ausverkaufter Vorstellungen im Zimmertheater nicht stattfinden konnten.
„Wir haben in den letzten Jahren sehr gut gewirtschaftet und werden diese Krise überstehen“, ist sich Geschäftsleiter Thomas Nauwartat-Schultze sicher. Auch werde man alles tun, um die Arbeitsplätze der gegenwärtig vier Angestellten zu erhalten. Geplante Modernisierungen und Instandsetzungen müssen allerdings zurückgestellt werden. Da das Kassenhaus coronabedingt geschlossen bleiben wird, werden alle Käufer von Karten, die auf eine Rückerstattung des Eintrittspreises bestehen gebeten, sich schriftlich oder per Email an den Verein zu wenden. Barauszahlungen sind nicht vorgesehen. Der Umtausch von Karten ist ab der Wiederaufnahme des Vorverkaufes möglich.
„Die beiden Sommerstücke werden 2021 nachgeholt“, erklärt Sabine Valentin, die künstlerische Leiterin des Amateurtheaters. „Wir wären sehr glücklich, wenn wir im Herbst unseren Spielbetrieb im Zimmertheater mit „Bernada Albas Haus“ wie ursprünglich geplant fortsetzen könnten. Derzeit sind Proben nur im Videochat möglich, wir hoffen aber, dass sich wie im Sport auch im Kulturbereich bald Erleichterungen einstellen werden.“
Für einen ordentlichen Spielbetrieb im Sommer kommen die jedoch zu spät. „Wir wünschen unserem Publikum, das uns seit Jahrzehnten die Treue hält, Gesundheit und Geduld in diesen schweren Tagen, aber…“, da ist sich der Vereinsvorsitzende Holger Ohm sicher, „wir sehen uns wieder, versprochen!“

Metropoljournal,

Musik, die die Seele zum Klingen bringt

Chor der Freilichtbühne führt die Jubelmesse erstmals auf

GARTENSTADT. Das Jahr 2019 war für den Chor Art-im-Takt der Freilichtbühne ein Jubiläumsjahr. Der Chor feierte seinen 15. Geburtstag, und zum Geburtstag gibt es Geschenke. Doch was schenkt man einem Chor? Thomas Nauwartat-Schultze, der Chorleiter, hatte das ideale Geschenk für seinen Chor: eine selbst komponierte Messe. Die „Jubelmesse“ hatte im November in der Kirche St. Elisabeth ihre Uraufführung, just am Tag des Patroziniums der Kirche. In der voll besetzten Kirche herrschte gespannte Erwartung, denn es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Chorleiter seinen Sängerinnen und Sängern ein solches Werk maßschneidert, Gesangssolisten und dazu ein großes Orchester auf die Bühne holt und auch noch selbst dirigiert. Das fand auch Dekan Ralph Hartmann, der die Schirmherrschaft über die Uraufführung übernommen hatte: „Wir hören etwas Klassisches, etwas Geistliches. Aber wir hören auch ganz viel von Thomas Nauwartat-Schultze, von seinen Lebens- und Glaubenswelten“, sagte Hartmann zur Begrüßung. Die Jubelmesse begann mit einer vom Orchester gespielten Einleitung, quasi einer Ouvertüre, die musikalisch schon auf das Kommende vorbereitete. Nauwartat-Schultze ist bei vielen Komponisten zu Hause, und so konnte man in der Jubelmesse hier ein bisschen Zauberflöte und dort ein bisschen Bachʼsche Fugentechnik hören. Jubelnd und freudig, wo es um den Lobpreis Gottes ging, dramatisch und aufgewühlt beim „Kyrie“, in den höchsten Höhen schwebend und mit disharmonischen Klängen in den Phasen des Leidens Jesu. Der Komponist spielt in seinem Werk mit allen nur denkbaren Emotionen: schwermütig, freudig, feierlich, tröstend, fl ehend, weinerlich. Dazu zieht er die Register der klassischen Musik, lässt einen gregorianischen Choral erklingen, stellt Engelsgesang mit einem Duett von Sopran und Flöte dar, wirft die schwungvolle Rhythmik des Tambourins ein und den fröhlichen Walzertakt. Thomas Nauwartat-Schultze kennt seinen Chor wie kein anderer, weiß, was die Sängerinnen und Sänger leisten können. Er stellte ihnen mit Iris Anna Deckert (Sopran), Sonja Nemet (Alt), Peter Gortner (Tenor) und Matthias Horn (Bass) vier Gesangssolisten zur Seite, außerdem mit dem Heidelberger Kantatenorchester ein professionelles Ensemble, das in der geistlichen Musik zu Hause ist. Ryoko Aoyagi, die den Chor bei den wöchentlichen Proben ehrenamtlich am Klavier begleitet, spielte bei der Uraufführung der Messe die Truhenorgel. So entstand eine höchst professionelle Uraufführung, die mit lang anhaltendem Applaus und vielen Blumensträußen gefeiert wurde. Das Orchesterwerk „Reise ans Ende der Nacht“ stammt von dem jungen Komponisten Alexander R. Schweiß. Auch er ist ein „Kind“ der Freilichtbühne und hat den Sprung ins Profi -Fach geschafft. Auch dieses Werk wurde an diesem Abend uraufgeführt. Es lehnt sich an den gleichnamigen Roman an, in dem die traumatischen Kriegserlebnisse eines französischen Soldaten thematisiert werden. Mit verschiedenen Musikstilen vom Jazz bis hin zur Minimal Music werden einige Stationen des Romans klanglich umgesetzt. Am Ende dieses ganz besonderen musikalischen Abends dankte Sabine Valentin, die künstlerische Leiterin der Freilichtbühne, allen Helfern, Sponsoren, den beiden Komponisten, dem Schirmherrn und den vielen „Heinzelmännchen“ im Hintergrund, die zum Gelingen des Abends beigetragen hatten.

Nordnachrichten Mannheim, 13.12.2019, and

Solidarität gegen Machtstreben

Zimmertheater – Beachtenswertes „Rumpelstilzchen“ auf der Amateurbühne

Märchen sind grausam. Auch wenn sie gut enden, sind doch immer böse Mächte im Spiel, die Kindern Angst bereiten. Hermann Wanderscheck (1907-1971) hat daher einige Märchen der Gebrüder Grimm neu verfasst – darunter auch „Rumpelstilzchen“. Im Mannheimer Zimmertheater feierte es nun unter der Regie von Phillip Valentin Premiere, die die großen und kleinen Besucher (ab drei Jahren) in eine fantasievolle Welt mit vielen heiteren Momenten entführte. In der Grimmschen Fassung trieben die Prahlsucht des Müllermeisters und die Goldgier des Königs das traurige Schicksal der Müllerstochter voran – im Zimmertheater wurde das zu einer Geschichte voller Solidarität mit einem gütigen und dadurch hoch verschuldeten König umgewandelt.

Kecker kleiner Kobold

Die Müllerstochter Florina (Amélie Adi) möchte ihm – unterstützt von Freundin Heide (Vera Arndt) – helfen und das viele anfallende Stroh ihres Vaters (Joshua Frank) zu Gold spinnen. Natürlich misslingt ihr Versuch, bis ein kleiner Kobold erscheint und die Aufgabe erfüllt. Aber nicht ohne Bedingungen. Eigentlich kommt er im Auftrag der Herrin des Waldes, um den Königstaler zu stehlen, der ihr Macht und Würde auch über das Königreich verleihen sollte. Meisterhaft spielt Pia Valentin diesen kecken Kobold, der trotz Unterwürfigkeit eigenmächtig handelt. Gebieterisch stolz erscheint Jana Eicher als ehrgeizige, aber misstrauische Herrin des Waldes, die von Raben Krakra (Marie-Claire Kieser) und Kater Kratzepfote (Agnetha Rauch) hintergangen wird.
Köstlich sind die bezeichnenden Namen, die den Figuren des Reiches vom barmherzigen König Leberecht (bescheiden galant: Sebastian Kaufmann) zugeschrieben sind: Hofmeister Tummeldich (stets umtriebig und zum Lachen: Simon Nemet), Jägermeister Knallbüchs (hilfreich auf der Jagd: Paul Kaufmann) oder Nachbarin Tante Überall (immer informiert und einsatzfähig: Silvia Schönfelder). Sie sind es, die das im Grunde grausame Märchen um den Kampf des erstgeborenen Kindes entschärfen.
Mit viel Einfühlungsvermögen hat Regisseur Phillip Valentin das Märchen auf der Bühne vor und hinter den Vorhang umgesetzt – nicht zuletzt mit einem beachtenswerten Ensemble aus Amateurspielern, einer verwunschen gestalteten Bühne (Sebastian Kaufmann und Phillip Valentin) und Darstellern in perfekt nachempfundenen Kostümen (Bärbel Steegmüller, Monika Kaufmann). Dazu hat er eine untermalende Musik der aus den USA stammenden Brüder Derek und Brandon Fiechter gewählt, die mit ihren beruhigenden Harmonien das Geschehen begleiten. Eine beachtenswerte Inszenierung, die mit jubelndem Applaus bedacht wurde.

Mannheimer Morgen, 03.12.2019, Christina Altmann

Das Stottern des Königs

Schauspiel – Die Mannheimer Freilichtbühne eröffnet die Zimmertheatersaison mit dem Winterstück „The King’s Speech“ / Gute Regie und Ensembleleistung

Mit „The Kings’s Speech“ eröffnete die Mannheimer Freilichtbühne die Zimmertheater-Saison und landete einen begeistert aufgenommenen Premieren-Erfolg. Das Thema des Stückes von David Seiler um den stotternden Herzog von York ist ernst, beruht auf historischer Wahrheit. Doch dank einer gehörigen Portion britischen Humors, den die Amateurschauspieler aus der Gartenstadt auch in genau richtigem Maß auf die Bühne bringen, wird daraus ein im besten Sinne unterhaltsames Stück.

Albert, der zweite Sohne des englischen Königs Georg V., stottert, jeder macht sich über ihn lustig. Jeder öffentliche Auftritt wird zur Qual und zum Fiasko, so dass er sich auf Initiative seiner Frau Elizabeth – später bekannt als Queen Mum –vom australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue helfen lässt. Der versetzt ihn sogar in die Lage, als Georg VI. den Thron zu übernehmen, dem sein Bruder Edward wegen seiner unziemlichen Beziehung zur geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson und deren engen Kontakten mit Nazi-Deutschland entsagen muss. Seiler hat das Stück bereits in den 70er Jahren geschrieben, doch Queen Mum verbot die Aufführung zu ihren Lebzeiten. Nach ihrem Tod wurde aus dem Stoff zunächst ein mit einem Oscar preisgekrönter Film, ehe er 2012 auf die Theaterbühne zurückfand.

Herausforderung beim Bühnenbild

Regisseur Markus Muth hat sein Ensemble sehr präzise geführt, auch die kleinste Rolle stimmt. Ihm ist es zudem bestens gelungen, die Bühnenbild-Herausforderungen mit 37 Szenen an 17 Schauplätzen in den Griff zu kriegen, ohne den Handlungsablauf zu stören. Eine mit großen Schiebetüren versehene Wand trennt die kleine Bühne, dahinter werden im Wechsel Büros im Buckingham-Palace, Logues Sprechzimmer oder Westminster Abbey aufgebaut, während davor bei diversen Begegnungen politische Entwicklungen besprochen und Intrigen gesponnen werden. Die Wand ist auch eine Projektionsfläche für historische Filme als Zeitdokumente von 1925 bis zum Kriegsausbruch 1939.

Parallel zur äußeren Notlage der Welt spitzt sich die innere von „Bertie“ alias Albert zu. Andreas Burger spielt ihn sehr fein justiert und mit bewundernswertem Stottern als einen von allen verkannten Menschen ohne Selbstwertgefühl, aber fähig zur Selbstironie und willens, sich für die „Firma Windsor“ zu opfern. Seine verbitterte Verzweiflung äußert sich immer wieder in cholerischen Ausbrüchen.

Die Therapie in winzigen Schritten verläuft keineswegs geradlinig, doch er spürt, dass ihm die Begegnungen mit Lionel guttun. Der ist – weil ein erfolgloser Schauspieler – ebenfalls verkannt, wohl aber ein genialer Psychologe. Matthias Heckmann ist in der Rolle des Therapeuten vom Typus her das genaue Gegenteil von Bertie: optimistisch, zugewandt, offen, frei von falscher Ehrerbietung. Die Treffen der beiden sind die Kernstücke der Handlung und lohnen allein schon den Besuch im Zimmertheater.

Mannheimer Morgen, 15.10.2019, sd