Freilichtbühne Mannheim: Schlagersause feiert großen Erfolg

Die Freilichtbühne Mannheim knüpft mit der 80er-Jahre Revue „Schlager, Stars und Deutsche Welle“ an den Erfolg von 2024 an. Die Inszenierung begeistert mit einer Zeitreise in das Jahrzehnt der Neuen Deutschen Welle.

Vor zwei Jahren hatte die Mannheimer Freilichtbühne mit der charmanten 70er-Jahre-Revue „Schlager lügen nicht“ von Thomas Schiffmann einen riesigen Publikumserfolg gelandet. Da ist das Vorhaben, die Geschichte der Familie Spengler weiterzuerzählen, durchaus ein Wagnis. Löst das Nachfolgestück, das in den 80ern spielt, die hohen Erwartungen ein? Und kann das ehrenamtliche Team von Mannheims zweitältestem Theater an die beeindruckenden Leistungen des Sommers 2024 anknüpfen?

Nach der Premiere von „Schlager, Stars und Deutsche Welle“ sind beide Fragen mit einem klaren Ja zu beantworten: Gut 650 Zuschauende auf den nahezu ausverkauften Rängen lassen sich auf die vergnügliche Zeitreise in dieses politisch wie musikhistorisch prägende Jahrzehnt mitnehmen, hüpfen mit Freude hinein in die Klischeekiste voller Vokulilas, Schulterpolster und Neonfarben, singen die größten Hits der Epoche textsicher mit und bejubeln die 36 Darstellerinnen und Darsteller sowie das große Team hinter den Kulissen nach gut zweieinhalb Stunden (inklusive einer Pause) stehend.

Das turbulente Geschehen fesselt auch ohne Vorkenntnisse

Schon in den ersten Minuten wird deutlich: Auch wer das Vorgängerstück nicht gesehen hat, wird sofort in das mitunter turbulente Geschehen hineingezogen. Autor Schiffmann folgt erneut dem bewährten Konzept, die Musik der Epoche zum Gerüst für zwei Handlungsstränge zu machen, die sich schon bald verknüpfen. Familie Spengler ist in den 80ern angekommen. Vater Richard (Sven Wilhelmi) und Mutter Maria (Sabrina Petschi) planen den Italienurlaub in Lido di Jesolo („Carbonara“). Tochter Doro (Elisabeth Adelmann) ist der Pubertät entwachsen und steckt mitten in einer Beziehungskrise („Da Da Da“) mit ihrem Freund Jürgen (Paul Kaufmann).

Der Grund: Er entwickelt sehr viel größeres Interesse an seinem VW Golf 2 („Ich will Spaß“) als an der gelernten Friseuse, die mit einem Jobwechsel liebäugelt. Also spuckt sie in die Hände, steigert das „Bruttosozialprodukt“ und – „Wunder geschehn“ – ergattert ein Praktikum als Maskenbildnerin bei der „ARF-Schlagerparade“ in Berlin.

Dort ist gerade eine Zeitenwende in vollem Gang. Der langjährige und nicht nur klamottentechnisch noch in den 70ern verhaftete Moderator Brock (Andreas Burger) wurde zu seinem Leidwesen durch die sehr viel jüngere Inka Schöner (Hannah Fanslau) ersetzt. Den Generationenwechsel versucht er, unterstützt von Skandalreporterin Julia (Bettina Robl) und ihrem Fotografen Berger (Michel Knapp), durch Gerüchte und Intrigen aufzuhalten.

Musikalisch setzen „die frischen und frechen Hits der frischen und frechen Neuen Deutschen Welle“ von Nena, Markus und Ideal dem Schlagerbarden Rolli König (Guntram Raquet) neue Töne entgegen. Dass er „Santa Maria“ von nun an playback singen soll, kränkt den integren Sänger ebenso in seiner Berufsehre wie das Missverständnis, das der Text von „Dich zu lieben“ in Doros Elternhaus auslöst. Doch nach vielen Verwicklungen – so viel sei verraten – sind sich Doro und Jürgen dann doch einig: „Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein.“

Thomas Schiffmann hat anspielungsreich jede Menge Zeitkolorit in seinen Text eingewebt. Dass Doro den Job in Berlin bekommt, hält Jürgen für etwa so wahrscheinlich wie die Auferstehung des Dallas-Darlings Bobby Ewing und den Fall der Mauer. Der Streit, ob „Skandal im Sperrbezirk gespielt werden darf, wird mit den Argumenten von Bayerischem Rundfunk, Dieter Thomas Heck und der Erlanger Gleichstellungsbehörde ausgetragen. Das Regie-Dreigestirn Michael Knapp, Anja Adelmann und Dominik setzt Ironie und Augenzwinkern mit viel Liebe zum Detail als Stilmittel ein – wenn etwa Putzfrau Christa Krieger den Moderator Brock abstaubt, Modern Talking auf die Bühne will, aber nicht darf, oder – noch so ein Running Gag – die Jacob Sisters mit ihren Häkelpudeln auftauchen.

Zahlreiche Original-Requisiten sorgen für Gelächter und Aha-Effekte, allen voran der Golf der zweiten Generation in Tornadorot. Der gehört praktischerweise Hauptdarsteller Paul Kaufmann, vor dessen schauspielerischer und sängerischer Leistung man nur den Hut ziehen kann. Auch der Rest des Ensembles ist exzellent vorbereitet: Texte, Timing und Choreografien sitzen auf den Punkt, gesanglich wird zum Teil Herausragendes geboten. Zudem sind die meisten wiederkehrenden Rollen mit denselben Schauspielern wie vor zwei Jahren besetzt. Ein Beleg für Qualität und Kontinuität der Arbeit des Vereins Freilichtbühne Mannheim e.V. Chapeau!

Mannheimer Morgen, 08.06.2026, Ute Maag